9.

Während ich viel Zeit damit verbrachte zu Lernen oder mir die Arme aufzuritzen hatten meine neuen Freunde begonnen ein Baumhaus zu bauen. Nachts schlichen sie auf die Baustellen in der Umgebung und klauten Bretter und Nägel. Ich meidete diese nächtlichen Ausflüge, da ich viel zu viel Angst hatte erwischt zu werden. Nur einmal war ich mit von der Partie. Ich stand an den Bauzaun gedrückt und hielt Schmiere. Die furchtbarsten 15 Minuten meines jungen Lebens, obwohl ich nicht mal eine streunende Katze gesehen hatte.

Zwischen einer kleinen Ansammlung an Bäumen inmitten von Maisfelder entstand so, in nur wenigen Tagen ein zweistöckiges Baumhaus, mit Teppichen und Möbel ausgestattet, welche wir uns aus diversen Kellern der Nachbarn zusammengeramscht hatten. Sogar einen Ofen hatten wir aufgetrieben, den wir mit weiteren Holzbrettern von Baustellen befeuerten. Ein Regal an der Wand war gut gefüllt mit Vodka und Puschkin Vibe (schwarze Beeren) und Stangenweise Zigaretten und ein ganz klein wenig Gras. Da ich aber nicht viel Vertrauen in die Fähigkeiten von Teenagern hatte belastbare Baumhäuser zu bauen, musste mein Freund seinen Kumpel Max antanzen lassen. Der mit 120 kg Lebensgewicht im Baumhaus herumsprang wie ein fleischiger Flummi, nur um mir zu beweisen, dass das Baumhaus mich aushält.

Wir verbrachten fast jeden Abend in dem Baumhaus. Wir tranken und die anderen rauchten, wir lachten und redeten viel. Ich saß aus Mangel an Stühlen (nicht das es mit ausreichend Stühlen anders gewesen wäre) immer auf Daniels Schoß und versuchte cool zu wirken. Doch insgeheim wünschte ich mir nur, endlich mit Daniel alleine sein zu können.

Eines Nachts, recht spät (daran gemessen, dass ich 13 Jahre alt war und um 12 daheim sein musste) verließen unsere Freunde das Baumhaus. Ich bin mir nicht mehr sicher warum, vielleicht waren uns die Zigaretten aus gegangen oder Christoph hatte in seinem Keller noch eine Packung Chinaböller vom letzten Silvester gefunden. Die Jungs verbrachten viel Zeit damit aus Doppel-D-Böllern kleine Bomben zu bauen. Dass keinem von uns je etwas passiert ist, war ein Arsch voll Glück.

Auf jeden Fall blieben Daniel und ich zurück, vermutlich weil ich nicht mit wollte. Verlegen drehte ich meine halbleere (nein ich bin kein Pessimist) Puschkin Vibe Flasche in den Händen, als sich Daniels große (und meist verschwitzte) Hand unter mein Tshirt schob und meine Brust suchte. Daniel liebte Brüste und ich liebe Daniel. Eine in jungen Jahren vollkommen ausreichende Begründung um den frisch erwachenden Trieben nachzuhängen. Er drückte mich rückwärts auf den Tisch hinter mir und machte sich an meinem Hosenknopf zu schaffen. Meine Bedenken, dass wir erwischt werden könnten tat er mit einem Grinsen ab. Es war spannend als sich seine Hand in meine Hose schob und ich wollte es unbedingt. Diese neuen Gefühle waren völlig unsortiert und rückblickend finde ich es etwas beschämend, etwas arg animalisch und unüberlegt… Mein Herz raste, die Mischung aus ‘wir könnten erwischt werden’, etwas Alkohol im Kopf und dem Gefühl vollkommen verliebt und verrückt aufeinender zu sein war vermutlich die beste Droge, die es geben kann. Nicht zu vergessen, dass ich mir irgendwie auch erwachsen vorkam.

Als die anderen zurückkamen, saß ich schon wieder auf Daniels Schoß. Meine Puschkinflasche noch immer halbvoll, nur etwas zerzaust. Ausser etwas Fingern war nichts geschehen, dennoch, da bin ich mit sicher, auch wenn ich es nicht gesehen habe, war Daniels Grinsen mehr als vielsagend und er kam sich ohne Zweifel vor wie der Stecher der Nation. Mit 14 konnte man sich davon viel kaufen.

Ich finde es heute amüsant. Es war aufregend und spannend. Irgendwie spannender als zuhause bei TV Total zu fummeln oder sich heimlich auf Toiletten zu verdrücken…obwohl… naja…das erzähle ich ein ander mal…

Bild von Falk Lademann

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Veröffentlicht am 14. Januar 2011.

Kategorie: Jugendjahre

5 Gedanken zu “9.

  1. Oh, ich liebe diese Erzählungen und ich bewundere, wie klar du all das niederzuschreiben vermagst und wie detailreich du dich daran erinnerst – das könnte ich nicht. Im Vergleich dazu kommt mir meine Kindheit / Jugend vernebelter – und stetiger vor. Ich wieder hole ich aber … du solltest mal überlegen, ein Jugendbuch daraus zu machen. Irgendwann :)

    Die Gefühle bei den Situationen aber – die wecken, wie du sie beschreibst, schon Erinnerungen und machen, dass ich plötzlich an meine Vergangenheit denke und Aspekte daraus doch klarer sehe.

    Existiert eigentlich _das_ Baumhaus noch?

  2. ich kann mich Tristan nur anschließen… ich liebe die Art und weise wie du schreibst, es lässt einen in Erinnerungen versinken und man kann sich die Situation bildlich vor stellen wie ihr abends alleine in dem Baumhaus gewesen seit… Danke das du uns auf eine so wundervolle weise an deinen Erinnerungen teil haben lässt die dir mit Sicherheit viel bedeuten…

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