Gerade ist es 5:08 Uhr und meine Schicht dauert noch 52 Minuten. Ich sollte hier gar nicht am PC sitzen ist mit Sicherheit verboten, aber ich muss mich ablenken. Ich bin ganz alleine und die Geräusche die so eine leere Spielothek macht sind angsteinflössend. Ich bin wirklich ganz alleine, mutterseelenalleine denn wir haben vor 8 Minuten geschlossen. Sperrstunde. Meine Ablöse wird hoffentlich pünktlich um 5:45 Uhr hier sein, damit ich um 6:00 Uhr gehen kann und die Spielothek einen neuen 23h-Tag und die ersten Spieler, die sehnsüchtig vor der Türe schon warten werden, begrüssen kann.
Aber vielleicht mal von vorne. Seit das Kinder-Indoors-Spielland in dem ich zuvor beschäftigt war seine Pforten aus Geldgier geschlossen hat, arbeite ich in einer Spielothek. Am Anfang dachte ich mir nichts dabei – nur irgendeine weitere Arbeit für 400€ im Monat. Doch es kam ganz anders und ich fühle mich ein wenig wie der Seelenfänger Luzifers. Nicht das ich die Menschen hier tiefer in den Abgrund stürzen müsste, dass tuen die von ganz alleine. Es ist eher so, dass ich aufpassen muss nicht mit hinab zu fallen, toelrant und gut gelaunt zu bleiben und dem BlingBling der Automaten zu wiederstehen.
Meine Schicht hat gestern um 22 Uhr angefangen. Ich war 20 Minuten vor Schichtbeginn vor Ort, auch wenn diese 20 Minuten mir nicht bezahlt werden. Die Kasse hat Markus übernommen und hat in den 90 Minuten die er sie nun hatte ein heilloses Chaos hinterlassen. Statt eine Spezi auf Tisch 8 zu buchen hat er 8 Spezis gebucht, statt dem Billiardtisch 6 die Getränke zuzubuchen sind die Getränke der Spieler auf Tisch 5 und ohnehin waren Unmengen an Zetteln herausgelassen die alle noch bezahlt werden mussten nur von wem?
Noch ehe ich meinen Unmut kundtun konnte piepte der Pizzaofen in der Küche und ich rettete das pappartige Ding vor dem Kompost. Als ich dann fragte wem die Pizza Provenciale (Schinken mit Mais) gehöre, reicht Markus mir die Rechnung über eine Pizza Diavolo und nickt zu Bar. Die an der Bar hatten keine Pizza bestellt und Markus muss der Realität ins Auge blicken – er hat die Kontrolle verloren. Keine Ahnung wo der hungrige Gast ist und das er keine Diavolo aufgebacken hatte sondern eine Provenciale war ihm auch neu.
Während ich versuchte Herr der Lage zu werden kühlte die Pizza artig aus und verwandelte sich endgültig in Pappkarton. Stonieren kann ich als Aushilfe nicht, also versuchte ich mit meinen begrenzten Mitteln (lautes Stimmorgan und Durchsetzungsvermögen) das Kassenchaos zu reduzieren. Immerhin müsste ich ihm um 5 Uhr die Kasse abnehmen und um 6 Uhr an die Kollegin übergeben. Und würde diese dämliche Kasse nicht passen, würde ich es mit aus meinem eigenen Geldbeutel aufstocken müssen! Ich vertrat also für alle hörbar die Auffassung, dass ich die Kasse nciht übernehme, wenn ein Fehlbetrag drin sein, was Markus’s Sympathie für mich sicher nicht steigerte. Aber er soll spuren und mich nicht heiraten wollen.
Als das Chaos dann einigermaßen gebannt verdonnert ich Markus n den Service und verbannte ihn von jeglichen elektronischen Geräten um das Potential von neuem Chaos weitgehend zu minimieren.
Markus hat ein Stimmchen wie ein verschrecktes Reh und wenn ich seine Bestellung durch den Lärm der klingelnden Spielautomaten nicht hören konnte, dann ging er um die ganze Bar herum (das ist wirklich ne Meile), um zu mir rein zu kommen und mir “zwei Spezi und einen Eistee” ins Ohr zu flüstern.
Die Kunden bewiesen wieder einmal, dass Spielotheken so was wie Sodom und Gomorra sind. Ich – völlig damit beschäftigt einen Kunden abzurechnen – stand mit dem Rücken zum Thresen während einer der Automatenspieler mir seinen Pfandbon mit PIN auf den Thresenknallt und mit einem “Hey!” auf sich aufmerksam macht. Ich – schon völlig entnervt – “hey!” zurück und erzähle ihm mal was von Bitte und Danke und ob ihm das seine Mutter nicht beigebracht hat. Fehler! Sag nie zu einem Türken, dass seine Mutter etwas nicht getan hat oder schlecht getan hat, denn wenn er keinen Anstand hat ist das ok, wenn aber seine Mutter vergessen aht ihm den einzubläuen ist das nicht ok. Also erzählt mir der Kunde, er müsse nicht freundlich sein, sei ja meine beschissene Aufgabe das Pfand auszuzahlen. Gebe ich ihm uneingeschränkt recht – ist meine Aufgabe und ist wirklich beschissen. Aber demnach bekomme ich die 8€ die Stunde ja nicht um freundlich zum Kunden zu sein. Das war es – ich sehe wie dem Kunden die Sicherung durchbrennt – den Vergleich kann er nciht verarbeiten. Also greift er zu der einzigen Waffe die ihm bleibt. “Ich beschwere mich bei deinem Chef, dann bist du arbeitslos”. Das ich nicht lache. Das lasse ich mit von keinem Hartz4-Empfänger erzählen der nur die ersten 4 Tage im Monat zu uns kommt, weil er danach alles verzockt hat. Ich erzähle ihm was von “Nebenjob bedeutet neben etwas anderem” und wähle die Nummer meines Chefes, reiche das Telefon über den Thresen und biete ihm an sich zu beschweren. Soll er doch. Der Kund beschwert sich nicht. War ja klar, dass er keine Eier in der Hose hat wenn es drauf ankommt.
Ich rege mich immernoch über meinen Türken auf während in der einser Konzession wieder und wieder der Service-Button gedrückt wird, was bei mir hinter der Theke zu einem nervenzerreissenden Klingeln führt. Markus ist rauchen, also muss ich mich bequemen. Der Kunde will einen schwarzen Tee, soll er haben – wenns sonst nichts ist. Ich zapfe heißes Wasser ab, lege den Teebeutel neben den Zucker auf die Untertasse und serviere den Tee. Knapp 20 Minuten später hole ich die leere Tasse wieder ab. Sie ist leer aber der Teebeutel noch versiegelt in seiner Tüte eingepackt – unbenutzt. Der Kunde sagt nichts und mir ist es doch egal. Als ich wieder zur Theke komme ist Markus dahinter und schenkt gerade Helles aus. Ich bestelle einen neuen schwarzen Tee. Der Kunde will noch einen. Markus packt den Teebeutel gleich in das Wasser und ich bringe es dem Kunden. Während ich hinter dem Thresen arbeite vergeht die Zeit und irgendwann steht mein Tee-Kunde mit der leeren Tasse vor mir. Er will noch einen Tee. Diesmal aber bitte Kamille, denn der zweite Tee war ihm zu stark. Wir hätten den Beutel zu lange ziehen lassen. Der erste war besser. Ich nicke artig und mache Kamillentee. Ich muss ihm ja nicht auf die Nase binden, dass der erste Tee nur heißes Wasser war.
Mittlerweilen ist es schon 2 Uhr, Kaffee findet reissenden Absatz, die Spieler veruschen sich mit aller Gewalt wach zu halten als eine resolut wirkende Frau rein maschiert und zielstrebig einen Mann am Ohr packt und ihn raus schleift. Ich verstehe kein Wort von dem was sie sagt, aber ich weiß, dass sie ihn anschreit, weil er wieder sein ganzes Monatsgehalt verspielt hat und das am 4ten des Monats. Im Auto sitzen zwei Kinder. Ich weiß es, dieses Drama spielt sich jeden Monat ab.
Irgendwann wird es drei und ich diskutiere mit einer Vielzahl Jugendlicher die im Glauben leben, dass fast 18 oder schon 17,5 Jahr alt zu sein, dass selbe bedeutet wie das tatschliche Erreichen der Volljährigkeit.
Ich bin total entnervt. Ich ignoriere die Spieler die auf die Spielautomaten eindreschen, weil sie ncihts gewinnen. Ich ignoriere die Gruppe junger Männer nur wenige Meter vor meiner Bar die sich gleich prügeln werden und ich ignoriere den Saustall auf der Männer-Toilette, das dort mutwillig aus Rache hinterlassen wurde. Alles was ich nciht machen will macht Martin mit stoiischer Gelassenheit. Martin hat nie einen Puls über 120.

Es ist 4:00 Uhr und gleich, ganz bald darf ich schließen und dann ganz bald danach, darf ich heim in mein Bett. Aber nun schiebt sich noch mein ein angetrunkenes Pärchen – er Typ Zuhälter, sie Modell Bordsteinschwalbe – zu und rein und maschieren richtung Toiletten. Mir ist langweilig und weil die Toilettn shcon geputzt sind behalte ich sie im Auge. Es dauert nicht lange und ich kann über den Monitor hinter der Theke, über die Kamera beobachten wie die Hüllen zu fallen beginnen. Das letzte was ich will ist kurz vor Feierabend ein fickendes Pärchen, weshalb ich Markus zu mir rufe. Er soll das Geschehen im Auge behalte während ich mich auf den Weg mache die beiden inflagranti zu erwischen. Ist mir auch geglückt – und ich wusste nicht, dass Menschen soooo hoch springen können.
Nun ist es 5:42 Uhr. Gleich ist meine Ablöse da und ich darf heim. Um 14Uhr habe ich wieder Schichtbeginn…
2305
Thanks!
An error occurred!